Wir trauern um Trude Simonsohn

Zeitzeugin und pädagogische Kämpferin

20.01.2022 | Übersicht

Am 6. Januar 2022 starb Trude Simonsohn im Alter von 100 Jahren in Frankfurt am Main.

Frau Simonsohn, die 1921 im tschechischen Olmütz geboren wurde, war, wie ihre gesamte Familie,  nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg dem NS-Terror ausgesetzt. Ihr Vater, 1939 verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, wurde im KZ  Dachau, die Mutter im KZ Auschwitz ermordet. Frau Simonsohn selbst, die zunächst ins KZ Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert wurde, überlebte die Shoah nur knapp, im März 1945 wurde sie durch die Rote Armee befreit.

Trude Simonsohn war unserer Schule sehr verbunden: Über viele Jahre hinweg nahm sie unsere Einladungen an, als Zeitzeugin vor verschiedenen Klassen unterschiedlicher Jahrgangsstufen zu berichten.  Sie konnte, trotz der erlittenen Demütigungen und des Leids, das sie erfahren musste, sehr eindrucksvoll und lebendig von ihren Erlebnissen erzählen. Jede erdenkliche Frage der Schülerinnen und Schüler wurde geduldig und voller Empathie für die „nachwachsende Generation“ von ihr beantwortet.  Schwieg die Klasse, so forderte Frau Simonsohn die Lerngruppe auf, unbefangen und frei zu fragen: „Ihr müsst kein schlechtes Gewissen haben, ihr habt mit den damaligen Ereignissen nun wirklich nichts zu tun, aber ihr habt, wie alle anderen Menschen auch, eine Mitverantwortung dafür, dass sich so etwas nie mehr wiederholt.“

Eindringlich richtete sie ihre Worte gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, gegen Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit. Auch wenn Frau Simonsohn über die Gegenwart sprach und ihre Sorgen über den wachsenden Antisemitismus äußerte, konnte man im Klassenraum die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören: Voller Respekt für die Holocaustüberlebende folgten unsere Schülerinnen und Schüler ihren Worten. Uns Lehrkräfte wunderte es nicht, dass ihre „Unterrichtsstunden“ oftmals mit Applaus und „standing ovations“ beendet wurden.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Frau Simonsohn eine Institution in unserem Schulprojekt „Erinnern und Gedenken“ gewesen ist. Sie kam regelmäßig zu uns, solange dies ihr Gesundheitszustand erlaubte. Wir alle, Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülergruppen aus verschiedenen Generationen, haben viel von ihr lernen können. Ohne sie wird es schwieriger sein, an die Verbrechen der NS-Diktatur zu erinnern, wird es schwieriger sein, mit den Mitteln der Aufklärung und des Unterrichts gegen Antisemitismus und Rassismus anzukämpfen.

Da sie uns nicht mehr besuchen kann, werden wir von nun an in unserem Projekt „Erinnern und Gedenken“ auch an sie erinnern und zwar als engagierte Zeitzeugin und „Lehrerin“, als pädagogische „Kämpferin“ gegen historische Dummheit, Geschichtsvergessenheit und Antisemitismus!

Der unausgesprochene Auftrag der Opfer des Holocaust an uns Heutige lautet nach wie vor:  Nie wieder!!! Trude Simonsohns Beitrag dazu war unermesslich!

 

Wer sich für die Lebensgeschichte von Trude Simonsohn interessiert, dem empfehlen wir den unter dem unten angegebenen Link zu findenden Podcast  "Ich kann eine Wut kriegen, aber hassen kann ich nicht" | Trude Simonsohn über ihre Lebensgeschichte“, der bei HR2 Doppelkopf ausgestrahlt wurde (zuletzt 18.01.2022).

https://www.hr2.de/programm/doppelkopf/doppelkopf-mit-trude-simonsohn-holocaust-ueberlebende,epg-doppelkopf-1096.html

 

Matthias Köberle und Barbara Krause