Eine Geschichte, die unter die Haut geht – Lesung mit Maja Nielsen

Ein Ausweis aus der Vergangenheit wird präsentiert - Frau Hein (rechts) eröffnet die Lesung mit Frau Nielsen (links). Foto: A. Werner
Am 28. September 2026 besuchten die Klassen 9c und 9e in Begleitung von Herrn Römer und Frau Werner eine besondere Lesung in der Stadtbibliothek Neu-Isenburg. Die Autorin Maja Nielsen stellte dort ihr Buch „Das falsche Leben“ vor und nahm die Schülerinnen und Schüler mit auf eine bewegende Reise in die deutsche Geschichte. Organisiert wurde die Veranstaltung von Frau Hein, Kinder- und Jugendbibliothekarin der Stadtbibliothek Neu-Isenburg sowie Frau Gilga, Lehrerin der Goetheschule Neu-Isenburg.
Eine Geschichte, die kaum zu glauben ist
Mit diesen Worten lässt sich die Geschichte beschreiben, die Maja Nielsen in ihrem Buch erzählt. Der Roman führt zurück in das geteilte Deutschland der frühen 1980er-Jahre und beruht auf der wahren Lebensgeschichte von Thomas Raufeisen.
Thomas ist 16 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Hannover. Sein Leben gerät völlig aus den Fugen, als die Familie 1979 plötzlich nach Ost-Berlin fliehen muss. Der Grund: Sein Vater wird als Spion enttarnt. Was zunächst wie ein vorübergehender Aufenthalt im Osten erscheint, entwickelt sich zu einem Albtraum. Sämtliche Versuche, in den Westen zurückzukehren, scheitern. Als Thomas' Vater schließlich einen Fluchtversuch unternimmt, wird Thomas im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen verhört. Aus dem Jugendlichen, der eigentlich sein eigenes Leben entdecken möchte, wird ein junger Mensch, der sich in einem System aus Überwachung, Angst und gefühlter Unfreiheit zurechtfinden muss.
Eine Geschichte, die lebendig wird

Sie erzählt, sie liest. Der Saal schweigt. Und irgendwo zwischen den Zeilen beginnt das Unbekannte. Foto: A. Werner
Dass die Geschichte die Zuhörenden unmittelbar berührte, war während der Lesung deutlich zu spüren. Gebannt lauschten die Schülerinnen und Schüler, und man konnte „die Spannung im Raum knistern hören“. Maja Nielsen las die verschiedenen Rollen ausgesprochen anschaulich und emotional vor. Mit ausdrucksstarker Stimme, passenden Bildern, die sie auf einer Leinwand zeigte, und lebendigen Schilderungen gelang es ihr, die Ereignisse greifbar zu machen. Einzelne Textpassagen und die dazugehörigen Schauplätze entstanden so vor dem inneren Auge des Publikums. Geschichte wurde nicht nur erzählt, sondern fühlbar.
Dabei verlor die Autorin nie den Blick für das große Ganze. Sie machte deutlich, dass jede Geschichte unterschiedliche Perspektiven kennt und ihr Buch nur eine davon beleuchtet. Gerade dieser Hinweis regte dazu an, über persönliche Schicksale, historische Zusammenhänge und unterschiedliche Sichtweisen nachzudenken.
Besonders war auch, dass die Autorin direkt in Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern trat, Fragen an die Zuhörerinnen und Zuhörer stellte und Fragen beantwortete – was die Nähe zwischen Autorin und Publikum einmal mehr verdeutlichte.
Eine Begegnung, die im Gedächtnis bleibt
Die Lesung ist für die beiden Klassen auch ein besonderer Auftakt zu einem weiteren historischen Erlebnis: Im kommenden Schuljahr werden die Schülerinnen und Schüler das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen besuchen. Dort führt Thomas Raufeisen heute selbst Besuchergruppen durch die Gedenkstätte. Vielleicht ergibt sich dabei sogar die Gelegenheit, ihm persönlich zu begegnen und noch mehr über seine Erlebnisse, seine Gefühle und seine Gedanken zu erfahren. So könnte aus der literarischen Begegnung eine ganz unmittelbare Auseinandersetzung mit einem Zeitzeugen werden.
Herzlichen Glückwunsch zu dieser besonderen Auszeichnung!

Frankfurter Buchmesse, Oktober 2026: Unter großem Applaus nimmt Maja Nielsen (3. v. l.) den Deutschen Jugendliteraturpreis entgegen. Foto: L. Hein
Auch über die Lesung hinaus gibt es einen Grund zur Freude: „Das falsche Leben“ wurde auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 als bestes Jugendbuch des Jahres ausgezeichnet. Zu diesem Erfolg gratulieren wir Maja Nielsen ganz herzlich!
Wir bedanken uns bei Frau Hein, Frau Gilga und der Stadtbibliothek Neu-Isenburg für die Organisation dieser eindrucksvollen Veranstaltung sowie bei Maja Nielsen für die spannende, berührende und lebendige Begegnung mit deutscher Geschichte.
Die Lesung hat gezeigt, wie Literatur Geschichte erfahrbar machen kann – und dass hinter historischen Ereignissen immer Menschen stehen, deren Schicksale uns auch heute noch bewegen.